Open as PDF-FileAus dem Flüchtlingsdrama ist eine politische Zerreißprobe geworden. Das Ziel eines freundschaftlichen Miteinanders in einem Europa der Vielfalt wird derzeit zwischen nationalistischen Egoismen und menschenfeindlicher Abschottungspolitik zerrieben. Auch Deutschland steht vor einer gigantischen Herausforderung, die viele Menschen verunsichert und die nur bewältigt werden kann, wenn die politisch Verantwortlichen mutig und zielstrebig Kurs nehmen auf ein zukunftsfähiges, gerechtes und starkes Gemeinwesen. Da aber die für ein solches Umdenken und Umsteuern notwendige Konsequenz bisher fehlt, entsteht ein Klima, in dem Sorgen in Ängste verwandelt werden: vor Überforderung, Überfremdung, Übervorteilung. Das Schüren von Angst gibt rückwärtsgewandten, fremdenfeindlichen, völkischen und rechtsnationalistischen Parteien in Deutschland und anderen europäischen Ländern Auftrieb.

Aus dieser politischen Sackgasse kommen wir nur heraus, wenn wir die Flüchtlingskrise als Appell begreifen. Sie bringt die politischen Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit schlagartig ans Licht. Der mangelnde Wille zur solidarischen Zusammenarbeit in Europa ist Ergebnis eines seit Jahren beschrittenen Weges der Europäischen Union, der die Mitgliedsländer zu Konkurrenten untereinander gemacht und zwischen Stärkeren und Schwächeren gespalten hat. Dem europäischen Haus fehlt das soziale und solidarische Fundament. Und in Deutschland zeigt sich, wie falsch das starre Festhalten an einer Politik ist, der die »schwarze Null« wichtiger ist als ein zukunftsfähiges Gemeinwesen. So führt uns die Flüchtlingskrise brutal vor Augen, wie überfällig ein radikales politisches Umsteuern ist.

Brücken statt Mauern

Brücken statt MauernDer Kurswechsel beginnt mit einem großen humanitären Sofortprogramm Europas. Die vor Krieg und Elend Flüchtenden dürfen nicht weiterhin durch die beschämende Unterfinanzierung der UN-Hilfsorganisationen förmlich auf den Weg nach Europa gezwungen werden. Sie benötigen in ihrer Region Existenz-, Bildungs- und Erwerbsmöglichkeiten. Zugleich müssen endlich in enger Kooperation mit den UN geordnete Fluchtwege und legale Einreisemöglichkeiten nach Europa geschaffen werden. Die Europäische Union darf kein Bollwerk errichten gegen Menschen, die vor Verfolgung und Bombenterror flüchten, egal aus welchem Land sie kommen. Europa würde daran scheitern, sowohl politisch als auch moralisch. Politisch wird Europa seine Probleme nur lösen können, wenn es sich seiner eigenen Verantwortung für die Bekämpfung der Fluchtursachen stellt und sich nicht von Regierungen wie der in der Türkei abhängig macht. Und moralisch werden durch jede Form der völkerrechtswidrigen Abschottung die europäischen Werte mit Füßen getreten. Die UN-Flüchtlingskonvention und das Grundrecht auf Asyl sind unantastbar!

Ausbruch aus der Sackgasse der Austerität

Statt Geld in Grenzregime, Mauern und Stacheldraht zu stecken, sollte endlich konstruktiv an die Bewältigung der riesigen Herausforderung für Europa herangegangen werden. Mehr Mitgliedstaaten der Europäischen Union können ermutigt und finanziell in die Lage versetzt werden, solidarisch und entsprechend dem Völkerrecht Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren. Um die Koalition der Aufnahmewilligen in Europa zu vergrößern, sollte die EU ein gemeinsames, z. B. durch Projektbonds finanziertes Sonderprogramm für Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser und Arbeitsplätze initiieren, um das sich insbesondere aufnahmebereite Gemeinden bewerben könnten. Dies wäre zugleich ein Beitrag zu einer europäischen Investitionsinitiative, die sich nicht den von der Bundesregierung dogmatisch verteidigten Regeln des »Fiskalpakts« unterordnet – Regeln, die seit Jahren die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Ländern Europas hemmen, soziales wie auch ökologisches Unheil vor allem in Südeuropa anrichten und zunehmend Zweifel an der demokratischen Legitimität politischer Entscheidungen wecken. Strategische Investitionen z. B. in den Klimaschutz ebnen den von der Krise am härtesten betroffenen Ländern neue Wege des ökologisch verträglichen Wachstums und sind zugleich ein wirkungsvoller Beitrag zur Bekämpfung wichtiger Fluchtursachen von morgen.

Umsteuern mit Zukunftsinvestitionen für Deutschland

Die Integration der vor Krieg, Elend und politischer Verfolgung Geflohenen in Deutschland erfordert kluges und mutiges Handeln. Sie wird dann gelingen, wenn sie Teil der Erneuerung der sozialen Infrastruktur zugunsten aller hier lebenden Menschen ist.

Als erstes müssen die Länder und vor allem die Kommunen unverzüglich vom Bund in einem Umfang finanziell unterstützt werden, der sie in die Lage versetzt, dringende Zukunftsinvestitionen  in Angriff zu nehmen. Für alle heute und zukünftig in Deutschland lebenden Menschen ist es wichtig, dass unser Bildungssystem – von der Kita angefangen – modernisiert und ausgebaut wird. Wir brauchen mehr und besser bezahlte Fachkräfte in den öffentlichen Dienstleistungen und mehr bezahlbaren Wohnraum für alle in den Ballungsräumen. Die notwendigen Investitionen in die Zukunftsfähigkeit unseres Gemeinwesens dürfen nicht dem Mantra der »Sparpolitik« geopfert werden. Angesichts der niedrigen Zinsen ist die Finanzierung  öffentlicher Investitionen für den Staat so günstig wie noch nie. Für die Handlungsfähigkeit des Staates sind darüber hinaus das Schließen von Steuerschlupflöchern und eine gerechtere Besteuerung vor allem von Kapitaleinkünften und großen Vermögen unumgänglich. Und eine positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt darf nicht dadurch gefährdet werden, dass die Flüchtlingskrise für eine Absenkung von sozialen Standards wie dem gesetzlichen Mindestlohn missbraucht wird. Die schwierige Integration der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt wird nur gelingen, wenn sie allen arbeitenden und Arbeit suchenden Menschen in Deutschland nutzt.

Wir werden daran wachsen

Die Wahlerfolge der AfD und die vielen rechtsextremen Anschläge dürfen nicht den Blick dafür verstellen, dass die große Mehrheit der deutschen Gesellschaft weiterhin von Hilfsbereitschaft und geistiger Aufgeschlossenheit geprägt ist. Das gesellschaftliche Engagement demonstriert Tatkraft und Erfindungsreichtum – allemal die stärksten Motoren für sozialen Zusammenhalt und gesellschaftlichen Fortschritt. Auf diese solidarische Zivilgesellschaft kann und muss sich eine kluge und führungsstarke Politik stützen.

Wenn wir mit Kopf und Herz umsteuern, werden wir alle daran wachsen: menschlich, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Wenn wir jetzt in unsere Zukunft investieren, wird Deutschland in zehn Jahren ein stärkeres, ein sozial gerechteres und ökologisch nachhaltigeres Land sein, als es heute ist. Mit einem solchen Kurswechsel wird Deutschland zugleich helfen, bei uns und in anderen Ländern neues Vertrauen in die Zukunft Europas zu schaffen: Ein solidarisches, demokratisches und soziales  Europa ist möglich!

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Appell zum Umsteuern

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Erstunterzeichnende aus der Politik

Gesine Agena, Bündnis90/Die Grünen, Mitglied des Bundesvorstands

Klaus Barthel, MdB, SPD

Heinz Bierbaum, MdL im Saarland, Die Linke

Dr. Franziska Brantner, MdB, Bündnis 90/Die Grünen

Reinhard Bütikofer, MdEP, Bündnis 90/Die Grünen, Ko-Vorsitzender der Europäischen Grünen Partei

Katja Kipping, Die Linke, Vorsitzende

Cansel Kiziltepe, MdB, SPD

Dr. Matthias Miersch, MdB, SPD

Beate Müller-Gemmeke, MdB, Bündnis 90/Die Grünen

Lisa Paus, MdB, Bündnis 90/Die Grünen

Dr. Simone Peter, Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen

Bodo Ramelow, Ministerpräsident von Thüringen, Die Linke

Claudia Roth, MdB, Bündnis 90/Die Grünen, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

Dr. Gerhard Schick, MdB, Bündnis 90/Die Grünen

Dr. Angelica Schwall-Düren, SPD, Staatsministerin a.D.

Ullrich Sierau, SPD, Oberbürgermeister von Dortmund

Dr. Ralf Stegner, MdL in Schleswig-Holstein, stellv. Vorsitzender der SPD

Dr. Axel Troost, MdB, stellv. Vorsitzender Die Linke

Johanna Uekermann, Bundesvorsitzende der Jusos in der SPD

Heidemarie Wieczorek Zeul, Bundesministerin a.D., SPD

Harald Wolf, MdA in Berlin, Die Linke

Andrea Ypsilanti, MdL in Hessen, SPD

Gabi Zimmer, MdEP, Vorsitzende der Linksfraktion GUE/NGL

Erstunterzeichnende aus Gewerkschaften und Verbänden

Frank Bsirske, ver.di, Vorsitzender

Hugo Braun, attac

Annelie Buntenbach, DGB, Mitglied des geschäftsführenden Bundesvorstands

Kai Burmeister, IG Metall

Michael Ebenau, IG Metall

Dr. Peter Eigen, Gründer von Transparency International

Thomas Gebauer, Geschäftsführer medico international

Dr. Dierk Hirschel, ver.di

Olivier Höbel, IG Metall

Institut Solidarische Moderne

Dr. Andreas Keller, GEW, stellv. Vorsitzender

Jörg Köhlinger, IG Metall

Andrea Kocsis, ver.di, stellv. Vorsitzende

Wolfgang Lemb, IG Metall

Hartmut Meine, IG Metall

Klaus Pickshaus, IG Metall

Michaela Rosenberger, Gewerkschaft NGG, Vorsitzende

Armin Schild, IG Metall

Dr. Hans-Jürgen Urban, IG Metall

Peter Wahl, Vorsitzender WEED – Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung

Frank Werneke, ver.di, stellv. Vorsitzender

Erstunterzeichnende aus der Wissenschaft

Prof. Elmar Altvater, Sozialwissenschaftler

Prof. Hans-Jürgen Bieling, Politikwissenschaftler

Dr. Reinhard Bispinck, Sozialwissenschaftler

Prof. Gerhard Bosch, Sozialwissenschaftler

Prof. Christine Brückner, Erziehungswissenschaftlerin

Prof. Klaus Busch, Politikwissenschaftler

Dr. Mario Candeias, Politikwissenschaftler

Prof. Frank Deppe, Politikwissenschaftler

Prof. Klaus Dörre, Sozialwissenschaftler

Prof. Sebastian Dullien, Wirtschaftswissenschaftler

Prof. Andreas Fisahn, Rechtswissenschaftler

Prof. Björn Hacker, Wirtschaftswissenschaftler

Prof. Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler

apl. Prof. Martin Höpner, Politikwissenschaftler

Prof. Gustav Horn, Wirtschaftswissenschaftler

Prof. Ute Klammer, Sozialwissenschaftlerin

Dr. Steffen Lehndorff, Sozialwissenschaftler

Prof. Birgit Mahnkopf, Sozialwissenschaftlerin

Prof. Jürgen Neyer, Politikwissenschaftler

Prof. Andreas Nölke, Sozialwissenschaftler

Prof. Thomas Sauer, Wirtschaftswissenschaftler

Prof. Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin

Prof. Mechthild Schrooten, Wirtschaftswissenschaftlerin

Dr. Thorsten Schulten, Sozialwissenschaftler

Prof. Michael Schumann, Sozialwissenschaftler

Weitere Persönlichkeiten

Dr. Joachim Bischoff, VSA-Verlag

Uwe-Karsten Heye, Autor und Publizist

Dr. Hans Misselwitz, SPD

Peter Ruhenstroth-Bauer, Rechtsanwalt, Staatssekretär a.D.

Wilfried Schmickler, Kabarettist

Stefan Stache, spw, Chefredakteur

Johano Strasser, Schriftsteller

Konstantin Wecker, Liedermacher

Seit der Veröffentlichung haben diesen Appell u.a. unterschrieben

Wissenschaftlicher Beirat von attac (38. Sitzung)

Jürgen Peters, ehem. 1. Vorsitzender der IG Metall

Ulrich Eckelmann, General Secretary, IndustriAll European Trade Union

Udo Schiefner, MdB, SPD

Fabio De Masi, MdEP, Die Linke

Ralf Kapschack, MdB, SPD

Ute Finckh-Krämer, MdB, SPD

Ulle Schauws, MdB, Bündnis 90/Die Grünen

Benjamin-Immanuel Hoff, Chef der Staatskanzlei Thüringen

Matthis W. Birkwald, MdB, Die Linke

Petra Pau, MdB, Die Linke, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestagstags

Delara Burkhardt, stellv. Bundesvorsitzende der Jusos in der SPD

Stefan Brauneis, stellv. Bundesvorsitzender der Jusos in der SPD

Barbara Stolterfoht, SPD, Staatsministerin a.D.

Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband

Dr. Hans-Joachim Schabedoth, MdB, SPD

Kathrin Vogler, Emsdetten, MdB, DIE LINKE.

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